Was ist der Unterschied zwischen Bikepacking- und Packtaschen- Reisen?
Modernes, trendiges Bikepacking oder althergebrachtes Reiseradeln? Zwei Begriffe – eine (geile) Sache – zwei Konzepte. Wir wollen uns der Angelegenheit mal etwas nähern, die Unterschiede, Vor- und Nachteile und die jeweiligen Besonderheiten herausarbeiten. Warum macht der eine das und der andere dieses – ist nicht alles dasselbe oder gar das gleiche. Einigen wir uns zunächst aber auf einen Oberbegriff, der in diesem Zusammenhang m.E. für beide Konzepte wichtig ist: Abenteuer Radreise.
Seit geraumer Zeit wird auch gerne das Wort Microadventure und/oder Overnighter benutzt, wobei diese sich hinsichtlich des Zeitraumes auf „spontan“ und/oder „kurz“ eingrenzen lassen – eine Radreise, ein Abenteuer ist in der Regel dann doch etwas länger (>3,4,5 Tage bis hin zu mehreren Monaten). Für eben solche Abenteuer rüstet sich der geneigte Biker/Radler im Wortsinn. Er plant, wählt sein Equipment den Anforderungen entsprechend (eine Tour von Hotel zu Hotel wird anders gestaltet als eine Querung des Pamir Highways), er tüftelt und feilt an Route, Destiantion, den Tageswerten, checkt Klimatabellen und Landkarten, sei es analog und/oder digital. Hat er das alles im Kasten, steht die Excel Tabelle, die Moleskine Notizen oder der MapOut Routenplan, dann folgt der (Vorbereitungs)Pflicht die finale Kür: das Rad wird bepackt, das Equipment verstaut, verzurrt und aus der vorherigen Theorie wird nun erstmals und ernsthaft Praxis. Womit wir beim Kern des Problems wären: wie packe ich für welchen Zweck? Welches der gängigen Systeme ist zu favorisieren: die Antwort lautet wie so oft: es kommt darauf an.
DAS EINE Konzept gibt es nicht – die Grenzen sind fließend
Zunächst einmal die grundsätzlichen Unterschiede und ein wichtiger Hinweis: es gibt NICHT das eindeutige Bikepacking Konzept und das einzige Radreise-Modul. Die Grenzen sind fließend, manchmal wirklich schwarz/weiß trenn- und erkennbar, manchmal so verwaschen und vermischt, dass ein Zuordnung in diese „eine“ Kategorie nicht möglich (und auch gar nicht nötig) ist. Einzig entscheidend für jeden Biker ist es die jeweils bestmögliche Lösung für seinen Anspruch, sein Budget und seine Ausrüstung zu finden. Der Komfortbiker wird sich anders aufstellen als der Purist und Grammfeilscher. Beide haben Recht.
Bikepacking | Radreise |
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Verwendet werden in der Regel verschiedene Biketaschen, die dicht und eng am Rad fixiert sind. Manche ermöglichen aufgrund spezieller „Harness“Systeme die Aufnahme von (wasserdichten) Beuteln, die sich schnell entnehmen lassen, ohne die eigentliche Tasche oder Halterung demontieren zu müssen. Das voll ausgestattete Bikepacking Bike kann somit eine Rahmentasche, eine Satteltasche, eine Lenkertasche (inkl. zusätzlicher Kleintasche), eine (oder zwei) Oberrohrtaschen, zwei Gabeltaschen aufnehmen, manchmal auch eine Unterrohrtasche. Diese diversen Taschen haben ein Volumen zwischen 0,4l bis hin zu 15-20l je nach Modell bzw. vorhandenem „Bauraum“ (Rahmendreieck). Der BikePacker summiert auf diese Weise gut und gerne durchschnittliche 60-70 Liter Packvolumen direkt ans Bike | Hier ist das (klassische) Konzept seit Jahren „eigentlich“ meist einheitlich. In der Regel spricht man von der sogenannten „SixPack“ Variante. Das heißt zwei Lowrider Packtaschen vorne, zwei Packtaschen hinten, eine Tasche quer auf dem Gepäckträger, eine Lenkertasche – fertig. Diese sechs Taschen sind geräumig und „überschaubar“ – viele Reiseradler ordnen jeder Tasche eine „Funktion“ zu: Küche, Schlafzimmer, Kleiderkammer, Werkstatt/Büro, Speisekammer, etc.. Aber auch hier gibt es zahlreiche Modelle, die sich konzeptionell etwas unterscheiden. Diese Taschen haben i.d.R. ein Volumen von je 12 (front) je 20 (rear), 24 (Backpack) und 7 Litern (Lenker). Das Klassik-SixPack-Bike fasst somit schnell mal um die 90-100 Liter Stauraum (gern auch mehr). |
Allein durch diese Aufstellung wird deutlich: zwei Welten. Das Bikepacker Bike ist meist ein schlankes MTB, oder aber ein Gravelbike (oder Rennrad) … während Reiseräder in der Regel einen Gepäckträger vorn und hinten beherbergen und nicht selten in Vollausstattung reisen, sprich mit Schutzblechen und Beleuchtung und all diesen Dingen (Ständer, Flaschenhalter, etc.pp) – nicht selten sind die verwendeten Räder auch klassische Trekkingbikes.
Soweit sogut. Aber welches Konzept ist jetzt das bessere? Der geneigte Leser ahnt es schon: eine abschließende allgemeingültige Wahrheit gibt es nicht, diese liegt, wie so oft im Auge des Betrachters, ist abhängig vom Anwendungsfall, dem Bike (siehe oben) und last but not least den persönlichen Vorlieben entsprechend gerne individuell. Aus meiner Sicht haben beide Gattungen Vor- und Nachteile – wer sich im Vorfeld dessen bewusst ist, tut sich bei der (Kauf)Entscheidung vielleicht leichter.
Bikepacking
Vorteile | Nachteile |
näher am Bike dadurch oftmals besseres Fahrverhalten dadurch insgesamt schlankere „Shiolette“ Lastenschwerpunkt direkter am Bike dadurch wesentlich Offroad-tauglicher Gepäck leichter „dosierbar“ für Tages- oder Wochentouren, d.h. kleine Tour = wenig Taschen große Tour = mehr Taschen damit geht auch ein Alpencross | mehr Einzeltaschen mehr „Orga“ nötig dadurch im Verhältnis etwas schwerer großvolumiges braucht diese eine (große) Tasche Invest etwas höher / teurer man lässt die Taschen i.d. Regel am Bike = Verlockung für Langfinger i.d. doch weniger maximales Volumen als mit Packtaschen erzielbar |
Radreise
Vorteile | Nachteile |
5 Haupttaschen, eine Lenkertasche, d.h. klares Konzept, klare Struktur viel Platz ohne große unterteilen zu müssen großzügiger Stauraum Weltreisetauglich Ortlieb bietet zB Diebstahlschutz (Drahtschlaufe) für zB AlpenX weniger geeignet mehr Volumen insgesamt möglich günstiger i.d. Anschaffung | baut „ums Bike rum“ daher insgesamt breiter weniger offroadtauglich bei Kurztouren nimmt man weniger Taschen, dann ist die Gewichtsverteilung entweder vorne oder hinten nicht ganz so gleichmäßig verteilt (bei mehr Volumen) auch mehr Taschengewicht |
In einem interessanten Artikel auf bikepacking.com sind die unterschiedlichen Konzepte sehr gut dargestellt.
Aber auch im Blog von Alexandra Deisenroth (Neuseeland) wird das Thema sehr gut behandelt. Interessant sind auch die Aspekte die Martin zusammengestellt hat –> hier.
Und last but not least hat auch das Pushbikegirl sich der Frage gestellt -> hier.
Fazit
Wohl dem, der auf beide Konzepte zugreifen kann. Denn nicht selten ist ein Mix aus beidem eine gute Wahl. Vor der Kaufentscheidung kommt es im wesentlichen aber auf die Reiseart an. Wer viel durch Wald und Flur, abseits der Straßen unterwegs sein will, für den gilt Bikepacking als Pflicht. Wer monatelang auf Fernradwegen mit dem Bike von A nach B reisen möchte, der ist mit dem Radtaschenset besser beraten. Wer aber mal ein Overnighter Weekend ansteuert, oder 5 Tage eine Seerunde drehen will, der kann geschickt beide Systeme (und damit deren Vorteile) kombinieren.
Was immer ihr wählt, eines ist gewiss: es macht Spaß, es vermittelt Freiheit und schenkt einem unbezahlbare Moment. Love the ride. Wie auch immer.
ach ja, one more thing:
weiterführende umfassende Infos zum Thema Biketaschen findet ihr hier im Blog.
Brooks – folgt in Kürze
*** (c) Udokah / Udo Kewitsch *** Aug 2020
Sehr schöne Webseite, tolle Fotos. Bin auf der Suche nach Guylaine hierher gekommen. Liebe Grüße, Peter
Hallo Peter, vielen Dank … ja das Guylaine ist auch ein feines Rad, aber Du kennst ja die Formel n+1 🙂 – und schau gerne immer wieder mal vorbei. love the ride, Udo.